Geschichte zum Anfassen -
Arbeit mit Archivdokumenten aus der NS-Zeit in Gladbeck

Seit mehreren Wochen beschäftigt sich die DWV2 des Wirtschaftsgymnasiums mit der NS-Zeit, genauer gesagt aktuell mit dem Aufstieg der NSDAP unter Adolf Hitler und der sogenannten „Gleichschaltung“, das heißt, dass alle Bereiche des öffentlichen Lebens von den Nazis kontrolliert und übernommen werden. So auch in Gladbeck. Geschichtslehrerin Frau Daugs hatte Kontakt zum Stadtarchiv in Gladbeck aufgenommen, um die NS-Zeit vor Ort für die Lerngruppe besser begreifbar zu machen, denn den Machtauf- und -ausbau des NS-Staates bekamen auch Persönlichkeiten aus Gladbeck am eigenen Leib zu spüren.

Stadtarchivar Herr Schemmert hatte eine große Kiste mit Originalakten aus der NS-Zeit aus dem Stadtarchiv Gladbeck im Gepäck und  gab den Schülerinnen und Schülern zunächst eine kurze Einführung in den Aufbau, die Funktion und die verschiedenen Bestände eines Archivs. Dann erhielten kleinere Schüler:innengruppen eine konkrete Aufgabe, zu der sie nähere Informationen mit Hilfe des Archivguts herausfinden sollten. Gar nicht so leicht, die handschriftlichen Protokolle oder Briefe zu lesen und die manchmal sperrige Verwaltungssprache zu verstehen. 

 

„Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933″

Je länger sich die Schüler:innen in die Akten einlasen, desto mehr verstanden sie, wie bürokratisch und systematisch der Weg zur Diktatur und totalen Kontrolle geebnet wurde. Das Ziel der Nationalsozialisten war es unter anderem, unliebsame Gegner legal zu beseitigen. Dazu mussten natürlich Gründe gefunden werden, warum ein Verwaltungsbeamter im Rathaus, ein Lehrer oder sogar der Oberbürgermeister der Stadt Gladbeck, Dr. Michael Jovy, für das neue Regime nicht mehr tragbar waren. Dr. Jovy war noch vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten für ein Mandat auf 12 Jahre gewählt worden. 

Unter dem Vorwand, Dr. Jovy sei ein Sinnbild für Geldverschwendung, der Gelder für seine Dienstwohnung veruntreut habe und auch sonst alles andere als sorgsam mit Steuergeldern der Gladbeckerinnen und Gladbecker umgehen würde, wurden seine und die Arbeit seiner Verwaltungsbeamten in einer „Untersuchung der Verwaltungsarbeit“ genau geprüft. Das Ergebnis überrascht leider wenig: viele Gladbecker Verwaltungsbeamte um Dr. Jovy wurden in den „Ruhestand“ geschickt oder auf andere Weise diskreditiert. Nach Jovys Tod am 30. Dezember 1931 wurde der Platz vor dem Rathaus nach ihm benannt. Bereits am 24. März 1933 benannten die Nationalsozialisten den Platz in „Horst-Wessel-Platz“ um. Seit dem 3. Mai 1945  trägt er wieder seinen ursprünglichen Namen.

Bürokratische „Säuberung“  

Mit solchen Fragebögen wurde geprüft, ob Beamte auch die „richtige“ Gesinnung für den weiteren Dienst im NS-Staat hatten. Mit Androhung von Entlassung aus dem Dienst und negativen Konsequenzen für den Beamten und seine Familie gelang es den Nazis, dass demokratische Politiker scheinbar „freiwillig“ ihren Posten aufgaben: 

Die Notwendigkeit, mich wieder vollkommen meinem Beruf zu widmen, zwingt mich, von jeder kommunalpolitischen und parteipolitischen Betätigung künftighin abzusehen. Ich bitte dies bei der Neuaufteilung der Dezernate zu berücksichtigen. Auch meine zunehmende Nervosität gibt mir Veranlassung, mich lediglich auf meinen Beruf zu konzentrieren. Ich bitte, mich bei der Regierung alsbald von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit entbinden zu lassen.
Heil Hitler!
Heinrich Schmitz in einem Schreiben an OB Dr. Hackenberg, Gladbeck, den 7. Mai 1933

Auch Lehrer als Teil des „Berufsbeamtentums, wurden von der NSDAP genau überprüft. Beispielsweise wurde einem Lehrer mit Entlassung aus dem Dienst gedroht, sollte er nicht in die NSDAP eintreten. Um sich seine berufliche Zukunft nicht zu zerstören, entschied sich Richard Korn dazu, diesen Schritt zu gehen. Doch selbst, als er in die NSDAP eintrat, Beiträge zahlte und ein Parteiabzeichen trug, blieben die Nationalsozialisten skeptisch, weil er sich nicht politisch engagierte. Trotz hervorragender Zeugnisse wurden ihm künftige Stellen an Schulen verwehrt. Diese Beispiele zeigen, wie schwierig es in dieser Zeit war, öffentlich zu seinen Prinzipien zu stehen, ohne unter Verdacht zu geraten. Mit dem legalen Anstrich der „Überprüfung der Beamten“ schufen sich die Nazis ein Instrument, scheinbar legitim an die Macht zu kommen.

Das Fazit der Klasse: diese Aktion sollte auf jeden Fall wiederholt werden, denn es ist „was anderes, in Originalen zu gucken und es aus erster Hand zu lesen“, findet Moritz Schulte-Pelkum. Zustimmung auch bei den anderen Schüler:innen. Die große Mehrheit fand es interessant  und abwechslungsreich. Allerdings gaben die Schüler:innen auch Feedback, was man nächstes Mal besser machen könnte: „Schön wären Kopien für alle gewesen, so konnte immer nur einer in den Akten blättern“. 

Herr Schemmert und Frau Daugs werden auch zukünftig kooperieren. Bereits im Mai besuchen Schüler:innen des BKG erneut das Stadtarchiv, dieses Mal vor Ort. Warum? Das erfahrt Ihr dann im Mai…

Im Namen der DWV2 und Frau Daugs herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihr Engagement, Herr Schemmert.